Schlagwort: ECHO

Über die Musik

Wenn ich meinem Gefühl trauen kann, sind folgende 3 Wörter wohl die Wörter, die im deutschen Sprachraum am inflationärsten benutzt werden: Hurensohn, Nazi, Gutmensch. Und das sagt leider viel mehr über „uns“ aus, als wir gerne hätten. Zum Mal alle 3 in 98 % der Fälle als Beleidigung gelten. Die restlichen 2 % kommen durch die Dokumentationen auf n-tv und N24 über das Dritte Reich und gesittete Diskussionen. Ironischerweise bezeichnen sich Menschen, die Leute wie mich als „Gutmensch“ selber als Nazi, obwohl sie laut eigener Aussage eben genau das nicht sind. Naja.

Das eigentliche Problem ist, dass durch die inflationäre Benutzung dieser Wörter, der eigentliche Sinn dahinter verloren geht. Z. B. wenn jemand das eigene Handy als Hurensohn bezeichnet. Das ist ja, aus rein „biophysikalischer“ Sicht nicht möglich. Oder, wenn man jeden, der konservativ ist, als rechts bezeichnet und jeden der rechts ist, als Nazi bezeichnet. Es mag hier und da Überschneidungen geben, aber alle drei sind definitiv nicht zu 100 % identisch.

Jetzt kommt natürlich die Frage auf: Was hat das mit Musik zu tun? Nun, es kommt hin und wieder vor, dass bei Bands die (angebliche) politische Weltanschauung über der eigentlichen Musik ist. Aktuellstes Beispiel dürfte wohl Frei.Wild sein. Jedes mal, wenn Frei.Wild zum ECHO kommen, wird darum ein riesen Wirbel gemacht. Ich will mich ehrlich gesagt gar nicht in diese „Frei.Wild-Nazi-Diskussion“ einmischen, werde es dennoch im Laufe dieses Posts noch tun.

Nun, der ECHO ist ja eigentlich ein Musikpreis. Es sollte also vordergründig um Musik gehen, vor allem um deren Qualität. Und, auch wenn das jetzt natürlich nur meine Meinung ist, sollte man mal wirklich etwas wirbel um Frei.Wild machen. Denn wenn wir ehrlich sind, die meisten „Deutschrock“ Bands haben, was ihre qualitative Entwicklung angeht, definitiv ein Verfallsdatum, ab dem sie sich nicht weiterentwickeln. Allen voran, weil sie immer ihre gleiche Schiene fahren. Im Mainstream Erfolg hatten damit nur zwei: Die Böhsen Onkelz und eben Frei.Wild. Und auch wenn ich früher viel von den Onkelz höre und auch einige Sachen immer noch gut finde, dass, was sie musikalisch drauf haben und ihrErfolg, das steht in keiner guten Korrelation. Aber, die Onkelz hatten meiner Meinung nach die intelligenteren Texte. Und ich bin mir sicher, einige Leute, die nach wie vor Behaupten, die Onkelz seien Nazis, würden über so manchen Text staunen. Sicherlich nicht über die alle, das ist klar, aber über die meisten.

Auf der anderen Seite hat man bei Frei.Wild das Gefühl, die denken bei ihren Texten nicht nach. Ich muss zugeben, ich kenne nur von zwei Frei.Wild Liedern den Text direkt, aber es gibt ja genügend Seiten im Internet, auf denen man die Texte nach schauen kann. Ich will hier jetzt nicht jeden Text in seine Einzelteile zerlegen, dazu ist es der falsche Raum. Nehmen wir als erstes „Land der Vollidioten“. Hier kommt vor allem der Refrain ziemlich chaotisch rüber. Einfach mal googlen. Aber auch z. B. der Text zu „Gutmensch und Moralapostel“ besteht aus komplett aus der gleichen Argumentationslogik, wie ihn aktuell jene Menschen anwenden, die im Umfeld von PEGIDA und AfD aktiv sind. Und gerade davon hatte sich Frei.Wild ja auch distanziert.

Natürlich kann man jetzt anbringen, dass der Text schon von 2012 stammt, aber diese ganze Thematik gab es schon damals. Vielleicht nicht in dem Ausmaß wie heute, dennoch sie war vorhanden. Auch sonst wirkt der Text lyrisch nicht wertvoll. Im Vergleich zu anderen, deutschsprachigen Rockbands. Und unter anderem solche Texten sorgen nach wie vor für diese ganzen Diskussionen, bei denen man merkt, dass beide Seiten irgendwie nicht so einen Plan haben. Ich war oft genug im Urlaub in Südtirol und ja, die Uhren ticken da anders. Vor allem auf dem Land. Ich kann durchaus verstehen, warum man darüber singt. So wie ich eigentlich immer verstehe, wenn jemand über seine Heimat spricht. Aber, vielleicht sollte man sich von dem Gedanken lösen, dass Heimat ein begrenztes Land ist. Und bitte flippt nicht jedes mal aus, wenn irgendein Künstler über seine Heimat singt oder schreibt, oder sonst was. Eine Heimat haben wir wohl alle. Und wir alle „lieben“ unsere Heimat ein bisschen.

Also, in kurz: Statt sich über die ambivalente Haltung von Frei.Wild  zur Politik aufzuregen, lieber darüber aufregen, dass beim ECHO Qualität und Quantität gleichgesetzt werden.

 

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